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Der Kapengraben war eine große anglerische Herausforderung. [Bildquelle: © René Schulze]

Kapengraben

Angeln im Kapengraben – eine Mission Impossible?

Weit mehr als 100 mal bin ich schon drüber gefahren, über den Kapengraben. Bei jeder Fahrt mit dem Auto über die kleine Brücke zwischen Dessau-Waldersee und Vockerode konnte ich nicht widerstehen. Mein Blick ging wie hypnotisiert durch das Seitenfenster und erhaschte für 2 – 3 Sekunden das Objekt meiner Begierde. Was für manchen ein unscheinbares, im Sommer vor Schilf- und Rohrbewuchs nicht mehr wahrzunehmendes Rinnsal ist, war für mich als Angler Neugier, Spannung und Herausforderung pur. Ende April wollte ich nach so vielen Jahren endlich das Geheimnis lüften.

Naturlandschaft Kapengraben

Normalerweise ist mein Auto vollgestopft mit Ausrüstung, wenn ich zum Stippen fahre. Alles ist irgendwie wichtig. Viele Freizeitangler würden wahrscheinlich lächeln, wenn sie das ganze Zeug sehen. Dieses Mal aber war alles anders.

Bereits 2 Wochen vor meiner geplanten Session schaute ich mir den Kapengraben aus der Nähe an. Dazu nahm ich vorsichtshalber schon mal mein Fahrrad und bemerkte dennoch, dass das Wort Nähe relativ ist. Ich kam nämlich maximal eine volle Kopfrutenlänge an den kleinen Fließgraben heran, ohne im frisch heranwachsenden Röhricht zu versinken.

Der Kapengraben ist nur schwer zugaenglich.
Zwischen der Straßenbrücke nach Vockerode und der Autobahn A9 ist der Kapengraben kaum zugänglich. [Bildquelle: © René Schulze]

Gut, dass ich Stipper bin, dachte ich mir, denn mit der Stange könnte ich meine gefangenen Fische wie mit einem Kran aus dem Wasser heben und zu mir transportieren :-).

Schild am Kapengraben
Der Zustand des alten Schildes weist auf ein scheinbar vergessenes Angelgewässer hin. [Bildquelle: © René Schulze]

Wer in alles in der Welt stellt ein Schild an ein Gewässer, an dem man nicht einmal einen einzigen Platz zum Angeln findet? Weil das so unwahrscheinlich schien, begab ich mich weiter auf die Suche nach einer geeigneten Stelle. Nach einer Zecke, einer von wilden Himbeerstacheln zerkratzten Hose und einem Reh, welches auf der Flucht vor mir einen Sprung in den Graben machte, wurde ich endlich fündig.

Der einzig vorhandene Angelplatz in dieser Wildnis lag hinter einem kleinen Aushubhügel, der noch aus DDR-Zeiten stammte. Die damalige Landwirtschaft (LPG) hat nämlich neben dem Graben ein Loch ausgehoben, in dem sich Wasser sammeln sollte. Dieses wurde dann zur Bewässerung der Felder verwendet.

Endlich stand ich am Ufer des Kapengrabens und schaute mir das Wasser an. Es war leicht trüb und hatte einen recht ordentliche Geschwindigkeit von locker 10 cm pro Sekunde. Über die Tiefe war ich mir noch nicht recht im klaren, denn das Reh wollte nach dem Sprung leider nicht mehr mit mir sprechen. Ich vermutete aber, dass es weniger als ein Meter war.

Gut, dachte ich mir. Einen Angelplatz hast du gefunden, also ziehst du das jetzt durch. Gesagt getan.

Die Vorbereitung des Futters und der Montagen

Nach dem Gewässerverzeichnis des Landesanglerverbandes Sachsen-Anhalt besteht der Friedfischbestand des Kapengrabens aus Blei (Brassen) und Plötze (Rotauge).

Auszug aus dem Gewässerverzeichnis
Ein Auszug aus dem Gewässerverzeichnis [Bildquelle: © René Schulze]

Meine Zielfische waren also Brassen und Rotaugen, so dass ich mein Futter daraufhin auswählen konnte. Ich bereitete 2 kg einer Mischung vor, die ich mehr in Richtung Brassen abstimmte. Die Mischung bestand im einzelnen aus folgenden Komponenten:

  • 1 kg Browning FORMULA FISH
  • 0,5 kg Browning TENCH
  • 0,5 kg Rotaugenfutter von Marcel van den Eynde

Besonders die ersten beiden Sorten haben einen deutlich höheren Proteingehalt als normales Grundfutter. Auch Rotaugen würden auf dieses Futter ansprechen, aber ich wollte in erster Linie herausfinden, ob sich ein paar Rüsselmäuler in diesem Minifluss fangen ließen. Eventuell gab es ja auch Schleien, die aus dem Löbben (kleiner See unterhalb) in den Graben gezogen sind.

Insgesamt hatte das Futter in dieser Zusammensetzung allerdings zu wenig Bindung für ein fließendes Gewässer. Deshalb mischte ich noch etwa 1 kg schwere Flusserde unter, was in dem recht flachen Gewässer reichen sollte.

Auf Grund der Tatsache, dass es zumindest nahe Dessau-Waldersee unmöglich war, mit dem Auto an den Graben zu fahren, musste ich das Fahrrad nehmen. Das hieß natürlich gleichermaßen, dass ich nur 2 kurze Stippruten in 4 m und 6 m (Whips) einpacken konnte. Für diese bereitete ich zwei Fließwassermontagen mit Tropfenposen (2 g und 4 g) sowie kompakter Bebleiung (Olive) vor. Meine zuvor an den Whips montierten Montagen zum Speedfischen nahm ich vorsichtshalber auch noch mit, man weiß ja nie.

Als Köder wollte ich Pinkies, Maden, ein paar Caster und Mais verwenden. Wenn damit nichts ging, dann könnte man gleich eine Eule auf das Gewässerschild kleben und die Grünen wären zufrieden. Aber so leicht wollte ich es ihnen nicht machen.

Aufbau des Angelplatzes mit Überraschung

Mein Angelfreund Christian stand mir wieder zur Seite und wir schoben unsere voll bepackten Fahrräder 200 m über die Wiese zum bereits ausgekundschafteten Angelplatz. Die Überraschung war allerdings groß als ich mir den Gewässerboden anschaute. Was ich vor 2 Wochen noch nicht sehen konnte, war nun augenscheinlich.

Der gesamte Grund des Kapengrabens war mit Wasserpflanzen bewachsen, welche eine saubere Führung der Montage unmöglich machten.

Pflanzenbewuchs im Kapengraben
Diese Pflanzen ließen den Brassenplan platzen. [Bildquelle: © René Schulze]

Wir versuchten dennoch eine kleine Spur zu finden, in der wir unsere Montagen in Grundnähe führen konnten, was aber nicht gelang. Das Ausloten klappte noch ganz gut, aber bereits beim Probedurchtrieb verlor ich das erste Vorfach. Ein anderer Plan musste her.

Brassen adé, Rotaugen okay

Die einzige Chance, in diesem Fließgraben irgendeinen Fisch zu fangen, ohne bei jedem Durchtrieb hängen zu bleiben war folgende. Ich wechselte meine Tropfenbleimontage gegen die ursprüngliche Speed-Montage mit Schrotbebleiung aus. Durch die weniger kompakte Bebleiung und die schlankere Pose lag die Montage nun in einem flacheren Winkel im Wasser. Voraussetzung war allerdings, dass ich sie stark verzögerte oder blockierte.

Kapengraben Montage
Mit dieser leichten Montage konnte ich den Köder über den Pflanzen anbieten. [Bildquelle: © René Schulze]

Der Durchtrieb der Montage funktionierte nun deutlich besser und es gab nur noch selten Hänger. Mein Köder schwebte etwa 30 cm tief über den meisten Pflanzen. Um den Effekt noch zu erhöhen, zog ich die kompakte Bebleiung auseinander zur Kette, was sich aber nicht bewährte. Beim ruckartigen Lösen eines Hängers hatten sich sofort das Vorfach und die Bleikette verwickelt, so dass ich zum Bulk zurück wechselte. Wichtig war dabei, dass die Bulkschrote wirklich eng aneinander lagen.

Futtertaktik für den Kapengraben

Unser Plan sah vor, dass Christian mit Mais angelt und ich mit Maden und Castern. Meine Startfütterung bestand aus etwa 0,5 l Futter, welches mit toten Maden und einigen Castern bestückt war. Daraus formte ich 3 kleinere Bälle, die am Grund platziert werden sollten. Wie aus einem Futterspender würden diese in den nächsten 20 Minuten ständig kleine Partikel frei geben.

Zum Abtöten bzw. Einschläfern der Maden verwendete ich wieder meine bewährte Korda Krusha. Besonders wenn es schnell gehen muss, ist sie ein geniales Werkzeug.

meine Startfuetterung
Diese Startfuttermenge sollte in diesem Kleingewässer ausreichen. [Bildquelle: © René Schulze]
Schema der Futter- und Angelstelle
Der Angelplatz lag gut 2 Meter hinter dem Grundfutter in einer Partikelwolke, denn das Wasser war nur etwa 60 cm tief. [Bildquelle: © René Schulze]

Den Rest der Startmischung fütterte ich in übernässter Form, um eine Futter- und Duftwolke zu erzeugen. Auch wenn die Fische des Grabens wohl noch nie Angelfutter gesehen, geschweige denn gefressen hatten, sollten alle unterhalb meiner Angelstelle davon erfahren.

Während des Angelns wollte ich dann nur noch kleine Futterbällchen nachwerfen, um die Fische durch das laute Geräusch größerer Bälle nicht zu verschrecken.

Nasses Futter erzeugt eine schoene Wolke.
Übernässtes Futter erzeugt eine schöne Futterwolke mit Sofortwirkung. [Bildquelle: © René Schulze]

Aus Vorfreude wurde Ernüchterung

Kennst du auch die Spannung vor dem ersten Einwurf der Montage? Wann bekomme ich den ersten Biss? Welche Fische werden beißen?

Ich merkte schnell, warum wir die einzigen Idio… waren, die an diesem Gewässer angelten. Trotz kleiner Minibällchen Futter und 5 – 7 loser Maden, die ich im Abstand von etwa 2 Minuten im Wechsel einwarf, tat sich gute 30 Minuten nichts. Ich erhöhte daraufhin meine Frequenz auf eine Futter- und Madengabe pro Minute.

Was im stehenden Gewässer bei dieser Beißlage tödlich wäre, war hier gerade richtig. Die Strömung verhinderte ein Überfüttern des Platzes und war zugleich Botschafter kulinarischer Leckerbissen.

Ich hatte nach einer weiteren halben Stunde schon gar nicht mehr damit gerechnet. Wahrscheinlich waren meine zuerst eingeworfenen Maden schon in der 3 km entfernten Elbe angekommen. Doch plötzlich gab es ein heftiges Zupfen. In einer wilden Flucht wehrte sich der erste kleine Fisch an meiner leichten Whip-Montage.

Der erste Fisch des Tages
Der erste Fisch des Tages war ein kleines Rotauge. [Bildquelle: © René Schulze]

Cool, dachten Christian und ich. Die Fische haben den Futterplatz gefunden und jetzt geht es richtig los. Aber weit gefehlt. Trotz regelmäßiger Fütterung weiterer Minigaben war zunächst kein weiterer Biss zu verzeichnen. Das zweite Rotauge ließ nämlich etwa weitere 20 Minuten auf sich warten. Christian, der nach wie vor gemäß unseres Planes mit Mais angelte und stromauf von mir saß, hatte keine Chance auf einen Biss.

Er freute sich aber mit mir über jeden der mühsam erkämpften Fischlein und machte die schönen Momentaufnahmen, die ich allein mit Stativ und Selbstauslöser nicht hinbekommen hätte. Wenn wir dann im Sommer zum Zanderangeln gehen, werden wir die Rollen tauschen.

Aufgeben kommt nicht in Frage

Mit der beschriebenen Futtertaktik konnte ich dann noch drei weitere Rotaugen überlisten, was mich allerdings nicht zufrieden stellte.

Das zweite Rotauge war etwas kleiner als das erste.
Das zweite Rotauge war etwas kleiner als das erste. [Bildquelle: © René Schulze]

Ich wollte es noch einmal wissen und veränderte geringfügig mein Futterschema. Im Unterschied zur gegenwärtigen Methode verzichtete ich nun auf das Grundfutter und warf nur noch lose Maden ins Wasser. Jede Minute etwa 10 Stück. Entweder fressen sich die Rotaugen jenseits meiner Montage die Bäuche voll oder ein größerer Fisch kommt bis auf Fangnähe heran. Alles oder nichts war die Devise.

Kurz nach Änderung dieser Fütterungstaktik gab es erneut einen Ruck an meiner leichten Montage. Der Fisch wehrte sich dieses Mal etwas heftiger als das erste Rotauge und der Kescher kam doch noch zum Einsatz.

Der erste Blick ließ auf ein größeres Rotauge schließen, doch bei näherem Betrachten sah ich den Madenräuber. Es war ein kleiner Aland, der sich die weißen Protein-Bonbons nicht entgehen lassen wollte.

Kleiner Aland als bester Fisch des Tages
Der größte Fisch des Tages war dieser kleine Aland. [Bildquelle: © René Schulze]

Der Aland war der letzte Fisch unserer 3-stündigen Session und wir packten unseren Krempel zusammen. Auf dem Heimweg resümierten wir noch einmal unsere Eindrücke dieses Angeltages und kamen zu folgendem Ergebnis.

Fazit

Was zwischenzeitlich eher einer Mission Impossible glich, war letztendlich doch noch ein gelungener Angeltag.

Wer mit dem Kapengraben ein bequem zu erreichendes und leicht zu beangelndes Gewässer erwartet, der wird sicher enttäuscht werden. Östlich der Autobahn A9 gibt es wahrscheinlich ein paar besser zugängliche Stellen. Für alle, die allerdings die Herausforderung lieben, hält dieses idyllisch gelegene Gewässer sicher noch manche Überraschung bereit.

Mein Artikel soll dir helfen, deine Planung optimaler zu gestalten als ich es getan habe. Und wenn du auf Grund der schwierigen Bedingungen ständig an deiner Taktik arbeiten musst, um überhaupt etwas zu fangen, dann wird dich das sowohl mental als auch technisch weiter bringen.

Solltest du dennoch weniger fangen als du im Vorfeld erhofft hast, mag dich ein Anblick wie dieser ein wenig hinweg trösten.

Ein Biber schaute neugierig beim Angeln zu.
Er neugieriger Biber schaute uns beim Angeln zu und lachte sich wahrscheinlich ins Fäustchen. [Bildquelle: © René Schulze]

Ich wünsche dir viel Erfolg am Kapengraben oder ähnlich schwierigen Gewässern. Such das Abenteuer und den unbequemen Weg! Dann wirst du besser werden.

René

Weitere interessante Infos zum Kapengraben und anderen Angelgewässern bekommst du hier:
https://www.fisch-hitparade.de/gewaesser/kapengraben

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Eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse dieses Angeltages findest du hier zum kostenlosen Download als PDF.

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